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America

 

Erste Abtheilung

 

Einleitung. Überblick des ganzen Erdtheils und dessen besondere Eigenthümlichkeiten.

 

 

Einleitung

 

1.

 

Ursprung seiner Benennung und kurze Geschichte seiner Entdeckung durch Columbus. Allgemeine Betrachtungen. Lage. Gränzen. Grösse.

 

                                                 

 

 

             Wenn wir einen Blick auf die Charte von AMERICA, diesem grössten aller Erdtheile, werfen, so bemerken wir zuförderst als etwas gleich Anfangs in die Augen springendes, dass er an Länge den drei übrigen Welttheilen gleichkommt, an Breite hingegen ihnen weit nachsteht. Er nimmt beinahe die ganze andre Hälfte unserer Erdkugel ein und liegt unter allen Zonen; von der kältesten bis zur heissesten. Er hat seinen Namen von AMERICUS VESPUCIUS, (oder eigentlich nach dem Italienischen Amerigo Vespucci) einem Florentinischen Edelmanne, der dahin schiffete und über dieses interessante Land zuerst eine etwas genauere Nachricht bekannt machte. Richtiger und gerechter hätte dieser Erdtheil nach seinem eigentlichen ersten Entdecker, COLUMBUS, Columbia heissen sollen. Allein man liess es zu der Zeit, kurz nach der Entdeckung desselben, in Spanien geschehen, dass ein anderer, der erst 7 Jahre nach diesem grossen Manne in dessen Fusstapfen getreten war, die Ehre genoss und sich den falschen Ruhm zueignen durfte, als habe er zuerst das feste Land der neuen Welt gefunden. Auf dieses Vorgeben, das die argwöhnische Missgunst gegen Columbus begierig annahm, nannte man die, durch seine Einsichten und Erfahrungen entdeckte, neue Welt nach jenem Florentiner, der es zuerst in Schriften zu beschreiben anfing, AMERICA, und die übrigen Europäer, welche den Nachrichten der Spanier Glauben beimassen, blieben bei dieser Benennung, und sie wird höchst wahrscheinlich auch fernerhin beibehalten werden, so sehr auch einige Neuere dagegen geeifert haben und dem Columbus die wohlverdiente Ehre des Namens beigelegt wissen wollen.  Der Name Americus oder Amerigo ist der Teutsche Name Emmerich, folglich bedeutet America soviel als Emmerichsland. –

 

             Die ersten Versuche, über Gränzen der bisher bekannten, so genannten alten Welt, hinaus zu gehen, waren nicht das Werk grosser, mächtiger Staaten. Diese neue Laufbahn war den  PORTUGIESEN  und später besonders den Spaniern vorbehalten, und in  ihrer Schule bildete sich der grosse Mann, welcher America entdeckte. Dieser war, wie wir schon wissen, CHRISTOPH COLUMBUS, von Geburt ein Genueser, der Schwiegersohn desjenigen Schiffscapitäns, welcher einer der ersten Entdecker der Inseln Porto Santo und Madeira gewesen war. Er studierte die Tagbücher und Seecharten seines Schwiegervaters, und beschloss, ebenfalls neue Länder zu entdecken. Der Enthusiasmus befeuerte ihn dergestalt, dass er den kühnen Gedanken fasste, zu versuchen, ob es nicht möglich sey, anstatt wie bisher, um das Vorgebirge der guten Hoffnung, der grossen Anweg nach Ostindien zu machen, in gerade Linie, westwärts von Europa, quer über den Atlantischen Ocean hin,  jener grossen Niederlage fast aller Reichthümer der  Welt zu gelangen. Nach grossen, mit vieler Mühe überwundenen Schwierigkeiten, sahe er sich endlich im Besitze dreier Fahrzeuge, mit welchen er diesen neuen gefährlichen Weg versuchen wollte, und segelte den 3ten August 1492 von Spanien ab, dessen König, Ferdinand und seine Gemahlin Isabelle, ihm Schutz und Unterstützung versprochen hatten, voll festen Vertrauens auf das Gelingen seines Unternehmens. Er richtete seinen Lauf nach den schon vor ihm entdeckten Canarischen Inseln, lichtete hier die Anker zur Abfahrt den 6ten September, und kam nun zum erstenmal auf den, bisher noch unbefahren gewesenen, westlichen Theil des grossen Atlantischen Weltmeeres. Die Abweichung der Magnetnadel war das erste Ungewöhnliche, was er auf diesem Meere bemerkte. Sie zeigte hier nämlich nicht, gerade nach Norden hin auf den Polarstern, sondern wich um einen ganzen Grad nach Westen von ihrer gewöhnlichen Richtung ab.-

 

             So sehr diese, ganz ungewöhnliche, Erscheinung auch Columbus uns seine Gefährten erschreckte, so setzte er dennoch seinen Lauf unerschrocken und voll des festesten Vertrauens auf den glücklichen Ausgang seiner Unternehmung, in derselben Richtung fort und gelangte nun an den Kreis des PASSATWINDES zwischen und über den beyden Wendezirkeln. Vermittelst desselben segelte er mit gleicher Geschwindigkeit ununterbrochen weiter, bis er ungefähr 44 Seemeilen über die Canarischen Inseln westwärts hinaus war. Hier fand er das Meer so stark mit Seekraut bedeckt, dass es einer unermesslichen Wiese ähnlich sah. Eine neue Veranlassung zu Furcht und Bestürzung des Schiffsvolks! – Columbus beruhigte seine Leute jedoch bald darüber, besonders dadurch, dass er sie auf die ab- und zufliegenden Vögel, welche von Westen zu kommen und ihren Flug auch dahin zu richten schienen, aufmerksam machte: sichere Vorboten des nicht weit mehr entfernten Landes, welche den Muth und die Hoffnungen der Seefahrenden nicht wenig aufrichteten und stärkten. Am ersten October 1492 befanden sie sich bereits beinahe 800 Seemeilen weit westlich über die Canarischen Inseln hinaus. Die Furcht und Bangigkeit über eine so weite Entfernung von ihrem Vaterland nahm überhand und begann sich in lautem Murren zu äussern, so dass beynahe eine Empörung ausgebrochen wäre. Noch einmal besänftigte sie ihr grosser, den Muth nie verlierender Anführer und wies sie auf mehrere aufmunternde Vorboten des nahen Ziels ihrer Reise. Ganze Schaaren von Vögeln liessen sich sehen; das Senkblei erreichte den Grund des Meeres und die Erdart, welche es heraufbrache, zeigte Land in der Nähe an. Die Seeleute sehen ein abgeschnittenes Rohr und künstlich gezimmertes Bauholz schwimmen, sie fingen den Ast eines Baumes mit noch ganz frischen, rothen Beeren auf; die Wolken hatten eine andere Gestalt als bisher; die Luft ward milder und wärmer und der Wind sprang unstät veränderlich um. Alle standen harrend und mit unverwandten Augen nach Westen hin gerichtet, auf dem Vordecke, um das so lang ersähnte Land zu entdecken. Bald, ungefähr 2 Stunden vor Mitternacht – erblickte man Licht in der Ferne, das sich hin und her bewegte, und gleich nach Mitternacht hörte man das Freudengeschreich, Land! Land! - 

 

             Am folgenden Morgen, Freitags, den 12ten October 1492, verschwanden auf ein Mal alle bisherige Zweifel, Sorgen und Unmuth. Kaum fing es an zu tagen, so sahen sie eine Insel, deren flache und grüne, mit Waldung reichlich bewachsene und von vielen Bächen durchschnittene Gefilde ihnen die Aussicht auf ein reizendes Land eröffneten. Sobald die Sonne aufging, wurden die sämtlichen Boote  bemannet. Mit fliegenden Fahnen, mit Kriegsmusik und Gepränge ruderten sie der Insel zu, und sahen bei ihrer Annäherung die Küste von einer Menge Leute bedeckt, die der neue Anblick versammelt hatte, und deren Mienen und Gebärden ihr Erstaunen über die fremden Gegenstände ausdrückten, die sich ihren neugierigen Blicken zeigten. AMERICA war entdeckt, und Columbus der erste Europäer, der in der neuen Welt landete! Er landete in einem reichen Kleide, mit dem blossen Degen in der Hand. Alle knieten nieder und küssten den neuen, so lange ersehnten Boden. Darauf nahmen sie im Namen des Königs für die Krone von Spanien feierlich Besitz von dem neuentdeckten Lande.-

 

             Das Erstaunen von beiden Seiten, der Eingeborenen sowohl als der Spanier, nahm kein Ende. Jenen war alles neu, was sie sahen, Waffen, Kleidung, die weisse Farbe der Fremdlinge, die hohen Schiffe, das Geschütz; von keinem kannten sie die Absicht, die Folgen. Alles jagte ihnen eine solche Bewunderung, ein solches Schrecken ein, dass sie die neuen Ankömmlinge als übermenschliche Wesen, als Kinder der Sonne, betrachteten, welche herabgekommen wären, die Erde zu besuchen. Diese, die Europäer, waren nicht weniger erstaunt über die Dinge, welche sich ihren Augen vorstellten. Jedes Kraut, jede Staude, jeder Baum, war von den Europäischen verschieden. Der Boden schien fruchtbar, aber wenig angebaut. Die Luft, obgleich höchst angenehm, kam selbst den Spaniern heiss vor. Die Einwohner gingen ganz nackend. Ihre Haut war kupferfarben, ihr Haar floss lang und in ungekünstelten Locken über die Schultern herab, ihr Gesicht war bartlos, ihre Züge mehr sonderbar, als unangenehm, ihre Mienen sanft und schüchtern. Ueberall hatten sie die Haut mit glänzenden Farben bemahlt. Anfangs waren sie aus Furcht blöde und scheu, wurden aber bald mit den gefährlichen Fremdlingen vertraut, und nehmen mit sichtbarer Freude von ihnen Schellen, Korallen, Glasknöpfe und andere Kleinigkeiten an, wofür sie ihnen Lebensmittel, Früchte und baumwollenes Garn, die einzige Waare von einigem Werthe, gaben. Columbus, der nun den Titel eines Admirals und Vicekönigs annahm, nannte die eben entdeckte Insel, zum Andenken der hier erfolgten Rettung. SAN SALVDOR. Die Einwohner nannten sie Guanahani, (welchen Namen sie noch jetzt führt,) und sie ist eine von der grossen Inselgruppe, welche man die LUKAYSCHEN oder BAHAMA INSELN nennt. Den folgenden Tag wendete er zur Besichtigung der Küsten der Insel an, und schloss aus der durchgängigen Dürftigkeit der Einwohner, dass dies nicht das reiche Land seyn könne, welches er suchte. Da er bemerkt hatte, dass die meisten Insulaner kleine Goldbleche zur Zierath in den Nasen trugen, so forsche er begierig nach, wo dieses kostbare Metall herkäme? – sie wiesen südwärts und gaben ihm durch Zeichen zu verstehen, dass es in den Ländern jener Gegend Gold in Menge gäbe. Dahin entschloss er sich demnach, sogleich seinen Lauf zu richten und nahm zu dem Ende sieben von den Eingebornen von San Salvador mit sich, um sie zu Wegweisern und Dolmetschern zu gebrauche, wenn sie etwas Spanisch würden gelernt haben. Er sah mehrere Inseln und stieg bey drei der grössten an Land, welche er die Namen Mariä Empfängniss (Concepcion) Ferdinanda und Isabella gab. Er hielt sich auf keiner lange auf, sondern steuerte immer weiter südwärts und entdeckte bald ein grosses weitläufiges Land, das mit Anhöhen, Hügeln, Flüssen; Wäldern und Ebenen auf die angenehmste Art abwechselte, so dass er zweifelte, ob es eine Insel oder festes Land sey. Die Einwohner von San Salvador, welche er mitgenommen hatte, nannten es CUBA. Er lief mit seinem kleinen Geschwader in die Mündung eines Flusses ein und liess das Land untersuchen, da sich denn fand, dass es ebenfalls eine, aber sehr grosse Insel sey. So sehr ihn und seine Leute auch die Schönheit der lachendsten Landschaften entzückte, so sehr sie über die grosse Fruchtbarkeit des Bodens erstaunten; so fanden sie doch noch nicht Gold genug, um ihren Durst nach diesem edeln Metalle, und die Erwartung des Hofes, an den Columbus zurückkehren wusste, zu befriedigen. Auf die Anzeige der Eingeborenen, dass weiter ostwärts eine Insel, welche sie Hayti nannten, liege, wo dieses Metall in grösster Menge zu finden sey, steuerte er graden Weges darauf los und erreichte sie glücklich am 6ten Dezember. Er nannte sie zur Ehre des Königreichs, welchem er diente, HISPANIOLA, und sie ist die einzige von allen, die ihren Namen bis jetzt behalten hat, ob sie gleich auch häufig, zumal von den Franzosen, ST. DOMINGO genannt wird.

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