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             Die Schüchternheit, Aengstlichkeit und Furchtsamkeit aller eingebornen Americaner ist unglaublich und gehört mit zu dem eigenthümlichen Gepräge ihres Charakters. Der Anblick einer Flinte in der Hand eines einzigen Europäers ist im Stande, ganze Schaaren von ihnen fortzujagen. Eben so ist ihre Trägheit ohne Gleichen: sie hungern lieber, als dass sie auf die Jagd oder den Fischfang gehen sollten. Weder Drohungen, noch Versprechungen oder Belohnungen vermögen die Americanischen Wilden, dass sie für einen Andern eine Arbeit verrichten, oder ihm einen, nur etwas beschwerlichen Dienst erweisen. Bittet man sie, so antworten sie kurz und gut:  ich bin faul. Bietet man einem Geschenke an, so sagt er, dass ihn nicht hungere. In ihren Hütten liegen sie ganze Tage auf ihren Hamaks (Hängematten), oder sitzen auch auf eine ihnen ganz eigene Art, ohne ihre Lage und Stellung zu verändern. Sie lachen über die Europäer wie über Thoren, wenn sie dieselben lange stehen, oder spazieren gehen sehen. Eben diese unaussprechliche Trägheit hindert die meisten, ihre Hütten auszubauen. Sie ertragen lieber alles Ungemach der Witterung, als dass sie Dach und Wände fest und dauerhaft machen sollten. Diese Faulheit ist auch der Grund, warum sich die Europäer in ihren Zucker= und Caffeepflanzungen bis jetzt noch immer lieber den stärkeren und arbeitsameren Neger bedienen.

 

             Die Feldarbeiten liegen grösstentheils den Weibern ob, und die Männer verlangen es für den Schutz, den die dem schwächern Geschlechte leisten, als eine Schuldigkeit von ihren Weibern, dass diese sie ernähren. Selbst die den Europäern unterthänig gewordenen Americaner bestellen fast alle das Feld noch immer auf dieselbe Art, wie es vor der Ankunft der Spanier, Portugiesen  u. s. w.  von ganzen Völkern geschah. Alle Männer, Weiber und Kinder eines ganzen Dorfs gehen gemeinschaftlich auf’s Feld, und nehmen Branntwein, Trommel und Pfeifen mit. Man wechselt den ganzen Tag mir Arbeiten, Zechen, Tanzen und Spielen ab, und 50 – 60 Personen verrichten nicht so viel, als 8 – 10 fleissige Arbeiter unter den Europäern leisten.

 

                          Ihr Gedächtniss ist ausserordentlich, Stunden lange Reden der Missionäre können sie wieder hersagen, ohne einen Perioden, ja ohne auch nur ein Wort auszulassen, obgleich sie von dem grössten Theile des Gesagten nichts verstehen. Ihrem Verstande aber etwas begreiflich oder deutlich zu machen, hält ausserordentlich schwer. Dagegen ist bei ihnen die Einbildungskraft desto lebhafter. Wenn ein Americaner Jemanden auch nur einmal gesehen hat, so bleibt das Bild desselben ihm so tief eingeprägt, dass er noch nach vielen Jahren unter hundert Andern, und in verschiedensten Kleidung auf den ersten Blick ihn wieder erkennet. Lange Zeit nachher können die jeden Fusssteig, jeden Baum, jeden Bach, jeden Hügel und Berg noch auf das genaueste beschreiben. Daher sie auch eine bewundernswürdige Geschicklichkeit besitzen, bei umwölktem Himmel durch die dicksten Wälder, durch Flüsse, über Seen und Meerbusen, ohne Gefahr des Verirrens, zu gehen, zu schwimmen und zu schiffen. –

 

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             Wie ausgebreitet die Herrschaft der Europäer in America sey, gehet schon aus dem bisher Gesagten deutlich hervor. Der ganze Erdtheil ist zwischen ihnen und den Eingebornen getheilt und sie besitzen daselbst zum Theil ganze Königreiche. Seit der ersten Entdeckung haben die Europäer America immer als ihr Eigenthum betrachtet und als Herren behandelt. So weit ihre Waffen reichen, erstreckt sich ihte Anmassung und Gewalt, und so weit ihre Entdeckungen gehen, gehen auch ihre Ansprüche. In dem Innern des Landes, an den nordwestlichen Küsten von America und am Südende dieser Halbkugel lebennoch einige Völkerschaften unabhängig in mehreren kleinen Staaten, die ihr Eigenthum gegen die Gewaltthätigkeiten der Fremdlinge mit Mühe, Tapferkeit und  -  Verlust vertheidigen. Alles übrige Land ist der unmittelbaren Herrschaft der neuen Ankömmlinge, namentlich der Spanier, Portugiesen, Engländer, Holländer, Franzosen und Russen, mehr oder weniger unterworfen. Diese haben sich zum Theil in America dergestalt festgesetzt, vermehrt und ausgebreitet, dass sie nicht nur in den meisten Gegenden die ursprünglichen Einwohner an Zahl, wie an Macht übertreffen, sondern auch schon einen grossen, von Europa völlig unabhängigen Staat (den der 13 vereinigten Nordamericanischen Freistaaten) errichtet haben und, des beständigen Zuflusses aus Europa ungeachtet, meistentheils aus Eingebornen und völlig nationalisirten Europäern bestehen, die Europa nur aus Beschreibungen kennen, aber die Europäischen Sprachen, Religion, Cultur, Lebensart, Sitten und Gebräuche überall eingeführt haben und beibehalten. Die Künste und die Cultur der alten Americaner, die in ihren grösseren Reichen eine ziemlich hohe Stufe der Vollkommenheit erreicht hatten, sind mit der Freiheit ihrer Besitzer verloren gegangen; wogegen freilich diejenigen, welche unter den Europäern leben, die Religion derselben, so wie auch mehrere Kenntnisse und Künste von ihnen erhalten haben.

 

             Die Europäer setzten sich, wie wir aus der kurzen Erzählung der Entdeckung von America wissen, anfänglich auf den Inseln und an den östlichen Küsten des festen Landes fest, wovon die Folge war, dass es jetzt  -  durch die Schuld der Europäer,  -  keine Ostamericanischen Küstenvölker mehr giebt, und dass auch auf den grossen Westindischen Inseln kein Volk von Eingebornen mehr vorhanden ist. Was sich bei dieser Invasion und den fortgesetzten Eroberungen von den Küsten= und Inselbewohnern retten konnte, entwich in die inneren Provinzen, Wälder und Gebirge, und verbreitete bis dahin Schrecken, Verwirrung, Uneinigkeit und Blutvergiessen.  - 

 

             Zu diesem Allem gesellete sich auch bald ein unseliger Bekehrungseifer von Seiten der Europäer, welcher nicht nur die Bande der verschiedenen Americanischen Völkerschaften und Familien unter sich auflösete, sondern auch die Volksmenge ausserordentlich verminderte, indem man, zumal in Südamerica, ganze Haufen von Leuten aus allerlei Völkern von ihrem väterlichen Boden und aus ihrem gewohnten Klima wegriss, und in gesunde, für ihre Lebensweise ganz und gar nicht geeignete Gegenden, längs den grossen Flüssen zusammendrängte. Daraus entstand für die Unglücklichen nicht nur Ungesundheit und ein grosses Hinsterben, sondern auch Unlust und Widerwille. Zudem sahen und lernten sie von den Europäern beinahe nichts als Verstellung, Arglist, Heuchelei, Habsucht, Golddurst, unbekannte Laster, besonders die Kunst, sich selbst durch innerliche Kriege und durch Völlerei in Wein und Branntwein, nach und nach aufzureiben. Alles dies erfüllte die Americaner mit Hass und Abscheu gegenihre Unterdrücker, deren Joch sie mehrmals abzuschütteln versuchten, aber noch bis auf den heutigen Tag tragen müssen.

 

             Durch diesen mehr als 300jährigen Aufenthalt zahlreicher Schaaren von Europäern in America,  -  deren Auswanderung dahin noch immer fortdauert  -  ist dieser Welttheil den übrigen Bewohnern gesitteter Länder weit bekannter und von ihnen viel genauer untersucht worden,  als es selbst Asien und Africa nicht sind. Die Reichthümer diesesn anfangs unbekannten Landes, lockten ganze Haufen Abenteurer, Neugierige und Glücksritter dahin, welche entweder daselbst ganz verblieben, oder mit Reichthümern beladen zurückkehrten. Der Handel hauptsächlich ist es, welcher noch heut zu Tage eine Menge dahin zieht, die sich auf eine Zeitlang daselbst niederlassen, oder auch für immer ansiedeln und dadurch vielfältig sehr reich werden; denn der Handel ist fast ausschliesslich allein in den Händen der Europäer. So haben sich diese Ausländer unter mancherlei Gestalten und Beschäftigungen, beinahe in allen Theilen des unermesslichen America, hier und da selbst in weitläuftigen Reichen, angesiedelt und ausgebreitet, wie wir weiterhin bei der näheren Beschreibung der einzelnen Länder, sehen werden.

 

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6.

 

Grad der Cultur und Aufklärung der Americanischen Völker. Sittlicher Charakter. Civilisation. Gesellschaftlicher Zustand und Staatsverfassung. Religion *)

 

*) Vergl. Malte-Brun und Mentelle Géogrühie, Tome 14. Amérique.

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             Was die Einsichten, Kenntnisse und Verstandesfähigkeiten, so wie die moralischen Anlagen der verschiedenen Bewohner der neuen Welt anlangt, so stehen sie noch auf einem sehr niedrigen Grade der Ausbildung. Alle ihre Gedanken und Aufmerksamkeit beschränken sich auf den sehr kleinen Kreis solcher Gegenstände, welche unmittelbar die Erhaltung ihres Lebens, ihre gegenwärtigen Bedürfnisse und einen augenblicklichen Genuss betreffen. Die Rechnen= und Schreibekunst ist vielen Americanischen Wilden noch ganz unbekannt. Es giebt welche, die nur bis 3 oder 5 zählen können und keinen Ausdruck für eine höhere Zahl haben. Einige zählen bis 10, Andere bis 20. Wollen sie eine grössere Zahl andeuten, so zeigen sie auf ihren Kopf, um dadurch bemerklich zu machen, dass diese Zahl der Haare des Hauptes gleich sey, welche zu zählen unmöglich wäre. Die Irokesen im mitternächtlichen America, welche cultivirter sind, als die Brasilier, Paraguaier und Guianer, können bis 1000  zählen. Man kann es daher als einen ziemlich richtigen Massstab des grösseren oder geringeren Grades der Bildung bei den Americanischen Wilden annehmen, je mehr oder je weniger sie zu zählen wissen.  

 

             Ihre Einsichten und der Umfang ihrer Kenntnisse, so wie die Anstrengung und Uebung ihrer Verstandesfähigkeiten, sind noch beschränkter. Abstracte Begriffe und folglich die Ausdrücke für dieselben, sind ihnen ganz fremd und ihr Urtheil erstreckt sich bloss über sinnliche Gegenstände. Ihre geistlose Gesichtsbildung, ihr stierer und ausdrucksloser Blick, ihre kalte Unaufmerksamkeit, ihr untheilnehmendes Wesen, beweisen hinlänglich die Unthätigkeit und das Schlummern ihres Geistes. Dieser Mangel an allem, was auf Verstand und Geistesfähigkeiten Beziehung hat, machte bei den Spaniern, als sie diese Wilden zum erstenmale sahen, einen solchen Eindruck, dass sie dieselben nicht für menschliche Wesen hielten, und es bedurfte eines päpstlichen Befehls, um sie zu überzeugen, dass die Americaner mit ihnen gleicher Natur wären und ebenfalls Ansprüche auf die Rechte des Menschen hätten.

 

             Zu mechanischen Arbeiten besitzen sie dagegen besondere Anlagen und eine vorzügliche Gelehrigkeit. Sie lernen daher mit ausserordentlicher Leichtigkeit alle Handwerke, und selbst das Schreiben, Malen, Singen und Spielen auf musikalischen Instrumenten viel leichter, als die Europäer und deren Kinder. Alles, was sie gesehen haben, machen sie immer wieder auf dieselbe Art nach, ohne dass es ihnen je einfiele, es anders oder besser zu machen: ein Beweis, dass sie wenig nachdenken und Verstand besitzen.

 

             Von den Karaiben kauften die  Franzosen vormals die Hamaken (oder Hängebetten) bloss des Morgens und nie des Abends. Am Abend gaben die Wilden ihre Betten um keinen Preis her: am Morgen hingegen überliessen sie dieselben jedem, der sie wollte, für eine Kleinigkeit, weil sie nicht daran dachten, dass sie dieselben auf die nächste Nacht wieder nöthig haben würden. Wenn die Nacht kam, so verlangten sie ihre Betten wieder, weil sie, wie sie sagten, nicht auf der Erde schlafen könnten.

 

             Die meisten Americanischen Völker gehen völlig, oder doch beinahe, nackend. Sie schämen sich, oder kommen in eine gewisse Verlegenheit, wenn sie Kleider anlegen sollen. Es ist ihnen dann Alles zu enge, zu ängstlich und überall nicht recht.  -  Ein Theil von ihnen treibt Viehzucht und Ackerbau, auch einige nothdürftige Gewerbe, und viele wohnen in Städten und Dörfern; aber die meisten führen eine unstäte Lebensart und schweifen fast beständig bald da, bald dort herum, sind Jäger oder Fischer, oder beides zugleich, oder Nomaden, oder Alles zusammen.

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