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             Sondern in der unabhängigsten Freiheit leben, so kann jeder Einzelne Streit und Händel mit einem Individuum einer benachbarten Nation anfangen, an denen bald Alle Theil nehmen und es entstehet so ein beständiger Kampf und immerwährende Gefechte, die sich gemeiniglich mit Blutvergiessen und Gefangenmachen endigen, da denen die, welche dieses Loos trifft, auf das jämmerlichste gemartert und geschlachtet werden. Hier kennt die Rache keine Gränzen; der rohe Wilde, der entmenschte Barbar, weiss weder zu verzeihen noch zu schonen. Sein Blutdurst muss gesättiget werden. Im Kriege, wie bei den blutigen Mahlzeiten vom Fleische der gewürgten Feinde, brennt er von gleicher Ungeduld, seine Hände in Blute zu baden.  - 

 

             Wird ein Krieg zwischen zwei benachbarten Völkerschaften beschlossen, der, wie gesagt, oft bloss durch die Neckerei den Eigensinn, das Herausfordern, oder die Rache eines Einzigen, entsteht, so werden vorher langsame und feierliche Berathschlagungen gehalten. Die Alten versammeln sich, tragen ihre Meinung in ernsthaften Reden vor, überlegen das Unternehmen selbst reiflich, und wägen die Vortheile oder Nachtheile, oft mit vieler Klugheit und bewundernswürdigem Scharfsinne, ab. Die Priester und Wahrsager werden dabei vornämlich mit um Rath gefragt, und bisweilen hört man auch das Gutachten der Weiber mit an. Ist der Krieg entschieden, so werden die Vorbereitungen dazu mit allerhand Gebräuchen gemacht. Die Grundsätze, welche ihre militärischen Operationen leiten, sind ihrem politischen Zustande und der Beschaffenheit des Landes, wo der Krieg geführt werden soll, genau angemessen. Die Haufen sind nur klein, wegen der Schwierigkeit der Subsistenz auf langen Zügen; kein Gepäcke, jeder Streiter trägt nebst seinen Waffen, den nöthigen Proviant  -  meistentheils Mais  -  bei sich. Sie vertheilen sich bei der Ankunft an der feindlichen Gränze, gern in Wälder, lauern hier auf den Feind und suchen ihn unversehens zu überfallen. Beide geschieht mit vieler Ordnung und Vorsicht. Beim Angriffe selbst ist es auf nichts geringeres als gänzliche Vernichtung des Feindes abgesehen. Sie zünden einzelne Hütten und ganz Dörfer an und was den Flammen entkommt, wir ermordet, oder zu Gefangenen gemacht und zum schrecklichsten Schicksal aufbewahrt. Den Feind in offener Feldschlacht und wenn er mit gleicher Stärke auf seiner Hut ist, anzugreifen, scheint ihnen eine unverzeihliche Thorheit, sich aber aus Feigheit und Unvorsichtigkeit lebendig gefangen nehmen zu lassen, die höchste Schande.

 

             Der Angriff ist wüthend und wird mit Tollkühnheit vorgenommen. Den Feinden, welche unter ihren Streichen fallen, wird die Haut über den Hinterkopf abgezogen und sammt den Haaren als ein Siegeszeichen mit nach Hause genommen und sorgfältig aufbewahret; daher siehet man die Wände ihrer Hütten mit diesen abscheulichen Trophäen zu allen Zeiten behängt. Die Gefangenen werden sorgfältig bewacht und nachdem man mit ihnen in der Heimath angekommen ist, versammeln sich die Weiber und das junge Volk in den Dörfern und empfngen sie mit einem schrecklichen Geschrei und Lärmen durch zusammengeschlagene Stöcke und Steine, während welchem die Unglücklichen durch den ganzen Haufen defiliren müssen. Klagelieder über das unglückliche Loos der in dem Gemetzel Gebliebenen folgen auf jenes Freuden= und Rachegeschrei, die dann wieder plötzlich in das wildeste Siegesgetümmel übergehen. Nun wird das Loos der Gefangenen entschieden: einige werden zum quaalvollesten Tode, andere zum Ersatz der in der Schlacht Getödteten bestimmt. Die letzteren treten dann ganz in die Rechte der Stammgenossen ein und kehren nie wieder in ihr Vaterland zurück.  - 

 

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             Die Religion der meisten Americanischen Völkerschaften ist blinder Aberglaube, Fetischdienst und Abgötterei. Bei mehreren derselben hat man einige dunkle Begriffe von einem geistigen, unsichtbaren Wesen, der Unsterblichkeit der Seele und von einem Leben nach dem Tode angetroffen. Der grosse Geist,  -  Tupan wird er von Vielen genennt  -  bedient sich der schrecklichsten Wirkungen der Natur, um die Erde zu verwüsten und ihre Bewohner zu strafen.

 

             Viele führen Amulette bei sich, um Unglück und Schaden abzuwenden; sie betrachten sie als ihre Schutzgeister, mit welchen sie jeder Gefahr Trotz bieten können. Die Insulaner glauben höhere Wesen, welche sie als die Urheber aller Uebel auf Erden und als Geiseln des menschlichen Geschlechts ansehen. Sie bilden diese furchtbaren Gottheiten unter den schrecklichsten Gestalten ab und suchen ihren Zorn durch allerlei abgöttische Ceremonien zu versöhnen und von sich abzuwenden.

 

             Bei andern Völkerschaften, welche etwas mehr Fortschritte in der Civilisirung gemacht haben, bemerkt man einige Funken von richtigern Vorstellungen von dem Regierer der Welten. Sie scheinen eine allgemeine oberste Ursache zu erkennen, der alle Geschöpfe ihr Daseyn zu verdanken haben, und welche die Schicksale der Menschen und alle Begebenheiten auf der Erde regieret. Sie nennen dieses Wesen den grossen Geist, verbinden aber damit grobe körperliche Vorstellungen. Sie glauben, dass ihre Götter eine menschliche Gestalt haben, aber mit einer über den Menschen erhabenen Natur ausgerüstet sind, und erzählen von ihnen die lächerlichsten und ungereimtesten Falbeln, die noch abgeschmackter sind als die, welche die Römer und Griechen in ihren Mythologien von der Gottheit vorgebracht haben. Sie haben aber weder Priester noch Tempel und kennen überhaupt keinen öffentlichen Cultus.  - 

 

             Weiter als viele andere Horden waren die Natchezen in ihren Religionsbegriffen, so wie auch in ihren politischen Einrichtungen vorgeschritten. Die Sonne war der vornehmste Gegenstand ihrer Anbetung. Sie unterhielten in ihrem Tempel ein immerwährendes Feuer, als das reinste Sinnbild ihrer Gottheit. Diese Tempel waren mit vieler Pracht aufgeführt und mit allerlei Zierathen ausgeschmückt. Mehrere Priester mussten für die Erhaltung des heiligen Feuers wachen. Das Oberhaupt der Nation hatte die Pflicht auf sich, alle Morgen eine Handlung des Gehorsams gegen die Sonne zu verrichten, und zu gewissen bestimmten Zeiten im Jahre wurden mit vielen Ceremonien Feste gefeiert und Opfer gebracht, wobei aber kein Blut vergossen wurde.

 

             Bei den Bogoten, einem alten Americanischen Urvolke, waren gleichfalls die Sonne und der Mond die vornehmsten Gegenstände der öffentlichen Verehrung. Ihr Religionssystem hatte mehr Vollständigkeit und Regelmässigkeit als das System der Natchezen, ob es gleich nicht so geläutert war. Sie hatten ihre Tempel, Altäre, Opfer, aber grausame und blutige Gebräuche: sie brachten ihren Göttern Menschenopfer und viele ihrer gottesdienstlichen Ceremonien hatten Aehnlichkeit mit den Barbarischen Einrichtungen der Mexicaner, deren Sitten und Denkungsart in der Folge noch geschildert werden sollen.

 

             Alle Americaner glauben die Unsterblichkeit der Seele, und selbst die rohesten unter ihnen fürchten den Tod nicht als das Ende ihres Daseyns. Sie hoffen einen künftigen Zustand, wo sie auf immer frei von allen Leiden und Mühseligkeiten des menschlichen Lebens seyn werden. Die stellen sich ihn als ein reizendes, von einem ewigen Frühlinge begünstigtes, Land vor, in dessen Wäldern ein Ueberfluss von Wildbret und in den Flüssen Fische die Hülle und Fülle sind, wo man ohne Arbeit und Mühe alle Freuden und Güter des Lebens geniesst. Die geschicktesten Jäger und tapfersten Krieger werden dort besonders die Belohnung ihrer Arbeiten geniessen; jeder aber wird seine Beschäftigungen daselbst eben so gut, wie in diesem Leben fortsetzen. Von dieser Vorstellung kommt der bei allen Americanischen Völkerschaften herrschende Glaube, dass man den Todten, weil sie in jenem Leben ihre Laufbahn von neuem anfangen, ihre Werkzeuge, Waffen, Lebensmittel u. s. w.  mit ins Grab geben müsse. Daher verscharren sie mit dem Verstorbenen zugleich dessen Pfeile, Bogen, Jagdgeräthe, Thierfelle und Zeuche zu Kleidungsstücken, Korn, Mais, Maniok, Geräthschaften und andere Nothwendigkeiten des Lebens. Stirbt ein Kazike oder ein anderes Oberhaupt, so weihet man auch eine gewisse Anzahl feiner Weiber, Lieblinge und Sclaven dem Tode, damit er sie gleich bei seiner Ankunft in jenem Leben vorfinde und daselbst den, seinem Range angemessenen Staat fortführen könne.

 

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7.

 

Wissenschaften und Künste. Fabriken und Manufacturen. Handel.

 

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             Aus dem bisher Gesagten gehet hervor, dass, da die Americanischen Völker sämmtlich noch auf einer so niedrigen Stufe der Cultur stehen, von Wissenschaften bei ihnen gar nicht die Rede seyn kann. Wie sollen diese Töchter der Bildung, Aufklärung und Reise der Vernunft zu einem Volke kommen, dass noch in der tiefsten Barbarei und in der Unmündigkeit des Verstandes schlummert?  -  Höchstens kann hier von einigen erworbenen Fertigkeiten, Erfahrungskenntnissen und mechanischen Künsten eine Spur gefunden werden. Un so finden wir es auch bei den Bewohnern der neuen Welt. Etwas natürliche Dichkunst und Beredtsamkeit, Heilkunde, Wundarzneikunst, Kräuterkenntniss, Baukunst, ein wenig Schreiben und Farbenaufkleksen  -  Malerei kann man es nicht nennen  -  Tanz, Musik, Verfertigung ihres Putzes und ihrer Kleidung, einige Handwerke u. s. w.  machen den ganzen Umfang  ihrer Kenntnisse, den Begriff ihrer Künste aus.

 

             Das Bedürfniss der Sicherheit lehrte den rohen Naturmenschen wohl zuerst, sich gegen die Anfälle der wilden Thiere, der Witterung und seines Gleichen eine Hütte zu bauen. Aber auch hier finden wir, dass noch viele Horden der Wilden so wenig von dem primitiven einfachen Stande der Natur entfernt sind, dass sie sich nicht einmal ein Obdach bauen, sondern sich gegen die drückende Sonnenhitze unter dicht belaubten Bäume oder in Höhlen und Schluchten lagern, und in der Nacht sich eine Streu von Zweigen und Baumblättern machen. Zur Regenzeit verbergen sie sich in Schutzörter oder Erdhütten, welche entweder die Natur, oder ihrer eigenen Hände Arbeit gebildet hat. Andere bauen sich Lauben oder Hütten von geflochtenen Reissern und Zweigen der Bäume, oder auch armselige Wohnungen von Erde und Lehm, in länglich viereckiger oder zirkelrunder Gestalt, deren Thüren so niedrig sind, dass man auf Händen und Füssen hineinkriechen muss, und deren Inneres mehr Rauchhöhlen, als menschlichen Wohnungen gleicht. Keine hat ein Fenster und oben im Dache ist ein Loch gelassen, durch welches der Rauch hinaus= und die frische Luft hereinzieht. Manche dieser Wohnungen sind so gross, dass 80 bis 100 Personen füglich darin Platz haben und mehrere Familien bei einem gemeinschaftlichen Feuer zusammen wohnen, ohne Unterschied oder Scheidewand.

 

             Ihre Waffen, Keulen, von schwerem oder hartem Holze, im Feuer gedörrte Prügel, Streitäxte von scharfen Steinen, Lanzen, deren Spitze mit einem Kiesel oder Knochen irgend eines Thieres bewaffnet ist, Bogen, Pfeile, Schleudern u. s. w.  verfertigen sie sich Alle selbst.

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