Textfeld:

             Das Meisterstück der Baukunst der Americanischen Wilden, das non plus ultra ihrer Geschicklichkeit in Handarbeiten, ist die Verfertigung ihrer Canots. Sie machen sie von Holz, Baumrinde oder Wallfischknochen. In einem solchen Boote, bewaffnet mit einem Prügel und Pfahl zum Rudern, und in ein Seehunds= oder Meerkalbfell gekleidet, trotzt der Eskimo den Wellen des Oceans. In diesen zerbrechlichen Fahrzeugen, die sie bei seichten Stellen der Flüsse oft auf die Schulter nehmen und zu Fusse watend hinüber tragen, unternehmen sie sehr weite und gefährliche Reisen, und man muss sich oft über ihre Geschicklichkeit im Negieren und Manövriren derselben wundern. Grösser sind ihre Piroguen oder Kriegsfahrzeuge, in welchem 40 – 50 Personen Platz haben.

 

             Bei ihrer Industrie ist ein sehr charakteristischer Zug unverkennbar. Sie fangen eine Arbeit mit wenigem Eifer an, setzen sie ohne Feuer und Thätigkeit fort und lassen sich leicht ganz davon abbringen, so dass sie liegen bleibt oder ins Stocken geräth, bis es ihnen nach langer Zeit wieder einfällt, sie von neuem vorzunehmen. Ueber dem Bau eines Canots bringen sie bisweilen mehrere Jahre zu, so dass das Holz daran vor Alter zu faulen anfängt, ehe es vollendet ist. Verschiedene Ursachen wirken bei dieser Langsamkeit in ihren Arbeiten mit. Die Zeit hat für sie so wenig Werth, dass sie dieselbe für nichts achten, während sie dem emsigen Europäer ein sehr wichtiges Capital und schätzenswerther Fonds ist. Die Werkzeuge, deren sie sich bedienen, sind so unbequem, so unvollkommen, dass man wenig damit ausrichten kann und nicht vom Flecke kommt. Selbst der geschickteste Künstler würde nichts Vollkommenes zu Stande bringen, wenn er weiter nichts hätte, als einen Hammer von Stein, ein steinernes Beil, eine scharfe Muschel und einen Thierknochen. Hierzu kommt noch das träge Wesen, dass phlegmatische Temperament der allermeisten Bewohner von America, dass ihre Arbeiten nur langsam von Statten gehen lässt. „Es ist die Arbeit eines Indianers,“ ist daher der gewöhnliche Ausdruck der Ausländer in America, wenn sie etwas Extraschlechtes, Zeit und viel Mühe Erforderndes, nennen oder beschreiben wollen. 

 

             Die Hausgeräthe und Küchengeschirre der Eingebornen in der neuen Welt sind plump und in geringer Anzahl. Manche verstehen indessen doch schon, zumal in den mittäglichen Bezirken, dass grosse Geheimniss, irdene Geschirre zu machen, welche dem Feuer widerstehen. Die Bewohner des mitternächtlichen America höhlen ein Stück hartes Holz in Gestalt eines Fleischtopfes aus und füllen es sodann mit Wasser, welches sie dadurch zum Sieden bringen, dass sie glühende Steine hineinwerfen.

 

             Unter die Aerzte bei den Americanischen Wilden zählet man vornämlich die Zauberer, welche sich rühmen, die Vergangenheit zu wissen und die Zukunft vorauszusagen. Zauberei, Hexerei, Schwarzkünstlerfratzen und andere, eben so alberne als seltsame Ceremonien, werden als Mittel von ihnen angewendet, die eingebildeten Ursachen eines Uebels zu vertreiben, und voll Zutrauen auf die Untrüglichkeit und Wirksamkeit dieser Mittel, sagen die dreisst das Schicksal ihrer Kranken oder Rathfrager voraus. In allen Ländern America’s giebt es dergleichen Zauberer, Wahrsager, Beschwörer, Zeichendeuter  u. s. f.  welche die Aerzte der ihnen zugehörigen Stämme sind. Die Weisheit der Europäer hat sie von diesem eben so thörichten, als schädlichen Aberglaube noch nicht zurückbringen können, und er ist selbst da, wo die christlichen Missionäre ihre Werk treiben, noch gar sehr im Schwange.

 

             Von der ausserordentlichen Vorliebe der sogenannten Indianer in America für Tanz und Musik ist schon einmal vorhin im Vorbeigehen die Rede gewesen. Ihr Müssiggang und ihre Indolenz machen ihnen diese Vergnügungen zum Bedürfniss: sie leben dabei neu auf, gleichsam durch sie aus ihrer Schlafsucht geweckt. Ein Tanz, feierlicher, gesetzter Art findet bei ihren Friedensbündnissen Statt. Die Abgeordneten der einen Nation nähern sich tanzend den Beauftragten der anderen und überreichen ihnen das Kalumet, d. i.  eine grosse, mit allerhand Figuren ausgezierte, Tabakspfeife, als das Symbol des Friedens, welche diese, ebenfalls gravitätisch hüpfend, annehmen. Wollen die Amerikaner den Zorn ihrer Götter besänftigen, oder ihre Wohlthaten feiern, sich bei der Geburt eines Sohnes freuen, oder den Tod eines Freundes beweinen, so haben sie zu jeder dieser Aeusserungen ganz eigene Tänze, welche ihre Empfindungen ausdrücken. Alle diese Tänze tragen das Gepräge irgend einer Handlung, und obgleich die Musik dazu äusserst einfach und durch ihre flache Eintönigkeit für das Ohr ermüdend ist, so sind doch manche dieser Tänze sehr belebt und ausdrucksvoll, besonders die Kriegs= und Siegestänze, bei denen die verschiedenen Rollen und Bewegungen mit einem solchen Feuer, Leben und Enthusiasmus dargestellet werden, dass man oft Schauder, Furcht und Entsetzen empfindet und die Tänzer unwillkürlich bewundern muss.  Liebe mischt sich selten darein, weil die rohen Americaner die feineren Aeusserungen derselben nicht kennen und ihr Herz zu ungebildet ist, um Zärtlichkeit für das andre Geschlecht zu fühlen und auszudrücken; auch mischet sich dieses nur selten in die wilden, ernsthaften martialischen Tänze der Männer.

 

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             Der Handel, die Fabriken und Manufacturen von America, sind fast einzig in den Händen der Europäer. Bloss in Brasilien und in den Nordamerikanischen Freistaaten finden sie einige Aufmunterung: in den übrigen Ländern verhindert die Handelspolitik der Europäer, die dort Besitzungen haben, das Aufblühen derselben, um den Europäischen Waaren einen immerwährenden Absatz zu verschaffen. Die Engländer spielen natürlich dabei die Hauptrolle und halten den vornehmsten Markt mit ihren Manufacturwaaren. Daher bedient man sich beinahe in ganz America Europäischer Waffen, Seiden-, Baumwollen=, Leinen= und Wollzeuche, Geräthschaften, Tücher, Instrumente und einer Menge andrer Waaren, deren man daselbst um desto weniger entbehren kann, je mehr man sich überall an europäische Bedürfnisse und Kunsterzeugnisse gewöhnet hat.

 

             Dieser grosse Tausch von Americanischen Naturproducten und Europäischen Manufacurwaaren macht den Handel zwischen beiden Erdtheilen überaus lebhaft und wichtig, ungeachtet es bloss ein einheimischer Handel ist; denn er wird allein zwischen dem Hauptstaate in Europa und den ihn unterworfenen Americanischen Provinzen geführet. Hingegen dürfen weder die Americanischen Provinzen verschiedener Staaten unter einander, noch irgend ein europäischer Staat mit den Americanischen Provinzen eines andern Staates handeln, und sogar der Handel des Mutterstaats mir seinen Provinzen ist gewöhnlich an gewisse Oerter als Hauptstapelplätze gebunden und den Händen besonderer einzelner Gesellschaften anvertraut.

 

             Soviel hier im Allgemeinen zur vorläufigen Uebersicht. Da wir bei den einzelnen Ländern noch insbesondere von ihrem Handel, Producten und Kunsterzeugnissen zu sprechen haben, so versparen wir eine genauere, ins Einzelne gehende, Darstellung dieses Gegenstandes bis dahin, um nicht unnöthig zu wiederholen.

 

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8.

 

Haupteintheilung des ganzen Welttheils in geographischer, physischer und politischer Hinsicht. Länderbestand. Plan der Bearbeitung und Uebersicht des Werks.

 

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             Bei der Eintheilung von America folgt man am bequemsten der natürlichen Lage desselben. Gleich beim ersten Anblick der Charte wird man ohne viele Mühe finden, dass die Natur den ganzen Erdtheil in zwei grosse Halbinseln getheilt hat, zwischen welchen noch eine Zahlreiche Inselgruppe liegt, welche mit gleichem Rechte zu der nördlichen und zu der südlichen Halbinsel gerechnet werden kann, aber füglicher in einer besonderen Abtheilung abgehandelt wird. So entstehen demnach 3 Haupttheile: Nordamerica, Südamerica und Mittelamerica, welches gewöhnlich Westindien genannt wird.

 

             Sieht man auf den Länderbestand dieser Halbkugel, so vertheilt man die sämtlichen Provinzen derselben nach ihrer Lage am füglichsten auf folgende Weise:

 

Nordamerica, oder der nach Mitternacht liegende kalte Theil von America, wird wieder eingetheilt in

             a) die Nordhälfte.                        b) Die Südhälfte.

 

             1.          Die Nordhälfte begreift:

                          1.          Die Länder an der Bassinsbai:

                                       a)          Auf der östlichen Küste: Grönland und Spitzbergen.

                                       b)         An der Nord= und Westküste: noch so gut als unbekannt

                          2.          Die Länder an der Hudsonsbai:

                                       a)          Auf der Ostseite: Labrador oder Neubritannien.

                                       b)         An der Westseite: Neusüd= und Neunordwales.

                                       c)          Im Norden derselben: Prinz-Williamsland.

                          3.          Die inneren Länder, im Westen von Neuwales bis an das Eismeer, kennt man noch zu wenig                                            oder gar nicht. Bloss die von den Weltumseglern befahrnen Küsten sind etwas bekannt geworden.

                          4.          Länder an der Westküste:

                                       a)          Die nördliche Westküste von Prinz Walescap bis Newenham.

                                       b)         Die mittlere Westküste oder das Russische America.

                                       c)          Die südliche Westküste, sonst Neualbion genannt.

            

             2.         Die Südhälfte von Nordamerica enthält folgende Länder und Reiche:

                          1.          Das Englische Nordamerica, wozu gerechnet wird: New= Foundland, Canada, Neu= Schottland,                                                 Neu= Braunschweig und die Bermudas= Inseln.

                          2.          Die Länder der freien Indianer.

                          3.          Den Nordamericanischen Freistaat oder die 13 vereinigten Provinzen.

                          4.          Das Spanische Nordamerica, zu welchem gehört: Florida, Neu= Mexico, Neu= Navarra,                                                                  Californien,   Alt= Mexico oder Neu= Spanien.

 

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