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Historisches  Wissen

Columbian Exchange

Nach langen und zähen Verhandlungen mit der spanischen Krone gelingt es Kolumbus vor allem Königin Isabella zu überzeugen ihn mit Schiffen auszustatten, um einen neuen und kürzeren Seeweg nach Indien zu finden.  Indiens Reichtum und vor allem sein Gold, von dem schon Marco Polo erzählte, liessen einen lukrativen Handel vorhersehen. Dass die Erde eine Scheibe wäre,  glaubten zu dieser  Zeit die Gebildeten eigentlich nicht mehr.  So war es logisch, anstatt monatelang um Afrika herum zu segeln, den direkten Weg nach Westen zu suchen. Da der Umfang der Erde nicht bekannt war wurde es eine Fahrt ins Ungewisse. Am 03. August 1492 brach Kolumbus mit drei Schiffen auf. Er fand eine optimale Route über den Atlantischen Ozean – immer parallel zu den vorherrschenden Strömungen und Windrichtungen.  Am 12. Oktober 1492 landet er auf der Bahama-Insel Guanahani.

Weitere Expeditionen von Europa aus folgen in den nächsten Jahrhunderten. Erst wenige, dann immer mehr Menschen wollen von den Reichtümern profitieren, oder sehen einfach eine bessere Lebensweise und grössere Chancen,  als in der alten Welt. Getrieben von wirtschaftlichen, politischen und aber auch religiösen Gründen. Die Eroberer und später die Siedler bringen alles mit, was sie aus der Alten Welt her kennen – Pflanzen, Tiere und leider auch Krankheiten. Das ganze Ökosystem änderte sich in beiden Welten im Laufe der Zeit.

In den nächsten 500 Jahren wird sich das Antlitz beider Kontinente drastisch verändern.

Wie sah Amerika zu dieser Zeit aus?

War es ein „leerer“ Kontinent, der nur darauf wartete, dass die Bewohner der Alten Welt kamen um seine Ressourcen zu nützen?

Die Neue Welt musste den Eroberern, Einwandern und späteren Siedlern wie das Paradies vorgekommen sein.  Schier unendliche Wälder, kristallklare Flüsse und Seen reich an Fischen, die Meeresküsten voll prallem Leben, weite Ebenen in denen Millionen Bisons  grasten, fruchtbare Landschaften für den Anbau landwirtschaftlicher Erzeugnisse. UND reichlich Platz für persönliche Freiheiten.

Wie sah es in Europa zu dieser Zeit aus?

Die Städte wachsen und mit ihnen der Wettbewerb. Europa gerät an seine Grenzen.

Europas Wälder sind in grossen Teilen abgeholzt. Es wurde gebraucht für Heizung (Kohle, Herd), für Kriege (Waffen, Belagerung), Schiffe und nicht zu vergessen für den Burgen und Städtebau (Gerüste, Häuser).

<Ihr Vordringen in das Innere Amerikas war ein Kampf gegen den Wald. Die Wälder waren die grösste Ressource des Landes. Mit Holzexport konnte man eine Menge Geld verdienen. Aus beiden Motiven ergab sich die grösste Waldvernichtung der gesamten Weltgeschichte>. Prof. Joachim Radkau

Die Flüsse sind leer gefischt (nur den Adligen war die Jagt im Wald erlaubt, die Bevölkerung „durfte“ sich aus den Flüssen versorgen und Fische als Eiweisslieferanten nutzen) und  die Flüsse waren verschmutzt (zum Teil wegen der starken Abholzung der Wälder, so geriet mehr und mehr Schlamm in die Flüsse, zum anderen Teil waren die Bäche und Flüsse die Kanalisation der damaligen Zeit).

<Die Schiffe gingen fast unter, von der Last der Fische, die von Amerika nach Europa verschifft wurden>, so ein Chronist.

Später wurden dann noch die Wale abgeschlachtet und vermarktet, weil, vor der Erschliessung des Erdöls war Wal-Tran ein wichtiger Energielieferant für Lampen und Maschinen (selbst „Sklaven“, die sich für den Walfang entschieden wurde die Freiheit zugesichert, wenn sie sich für den gefährlichen Walfang verpflichteten. Aus dieser Zeit stammt auch die Geschichte von Mobby Dick).

Also, nochmals zeitlich zurück zum Anfang:

Am 12. Oktober 1492 landet Kolumbus an der Küste Amerikas.

Die Spanier setzen lebende Hausschweine als leicht zu jagendem Proviant aus. Diese Schweine verwildern innert kürzester Zeit, verdrängen einheimische Tiere und fressen auch die Pflanzen, die von den Ureinwohnern angebaut werden. Diese verwilderte Art ist viel aggressiver und verbreitet sich in wenigen Jahrzehnten. Sie erobern die Anden, den Amazonas und den Norden Amerikas.

Ebenso bringen sie Pferde mit, die auch verwildern. Innerhalb von nur 200 Jahren verbreitet sich der Mustang über ganz Amerika aus. Diese Tiere hatten einen enormen Einfluss auf die Ureinwohner. Nomadische Stämme, wie die Blackfeet, Cheyenne, Sioux und Comanche nützen das Pferd nun für die Jagt und für den Kampf.

Doch das Land war kultiviert und erschlossen.

Hier leben viele Millionen Menschen in komplexen gesellschaftlichen Systemen, wenn auch voneinander getrennt, gar isoliert. Sie alle leben von domestizierten Pflanzen und Tieren, die dem Rest der Welt unbekannt sind. Europa im selben Jahr sieht ganz anders aus. Die gleiche Anzahl Menschen lebt hier auf einem Zehntel des Landes.

Über 90 Prozent der indianischen Bevölkerung stirbt an eingeschleppten Mikroben. Die Siedler holzen die Wälder ab, fischen die Gewässer leer und bringen ihre Tiere mit in die Neue Welt. Schweine, Pferde, Kühe, Schafe und Bienen erobern den Kontinent. Die Pflanzen aus Europa gedeihen überall in Amerika. Im 18. Jahrhundert hat der “Kolumbus-Effekt” seine volle Wirkung entfaltet. Doch der sogenannte “Columbian Exchange” geht nicht nur in eine Richtung. Zwar schaffen nur wenige Pflanzen den Weg nach Europa, aber Mais und Kartoffeln werden in der Alten Welt die Landwirtschaft revolutionieren und zu einer Bevölkerungsexplosion führen. Als die Europäer Segel setzten, waren ihre Motive ökonomischer, politischer und religiöser Art. Aber das wahre Erbe von Kolumbus ist ein biologisches Vermächtnis.

Die Rückwirkungen der Europäischen Expansion sind sehr vielfältig. Besonders gravierend sind die wirtschaftlichen Folgen dieser Entwicklung.  Ein Welthandel beginnt. Das ist als die bedeutsamste Folge der Europäischen Expansion zu nennen, die in das Zeitalter der Entdeckungen fällt.

Aufgrund der ständigen Silber- und Goldimporte aus Übersee durch Spanien, insbesondere aus den Minen aus Potosí, kommt es zum dauerhaften Rückgang und schliesslich zum Zusammenbruch des traditionellen sächsischen und böhmischen Silberbergbaus. Auch China war von dieser Inflation betroffen. Sie ging als die sogenannte "Preisrevolution" in die Geschichte ein. Durch Staatsbankrotte Spaniens, Frankreichs und der Niederlande, die auch durch Spekulationen hinsichtlich der neuen Märkte herbeigeführt wurden, wurden selbst prosperierende Bankunternehmen wie das der Welser in Augsburg in den finanziellen Ruin getrieben.

Es kommt in Mittelamerika zu einem Genozid der indianischen Ureinwohner, so dass bald aus Afrika Sklaven eingeführt wurden, weil der Bevölkerungsrückgang so drastisch schnell von statten ging, dass zum Beispiel der Bergbau in den Minen sonst nicht mehr zu realisieren gewesen wäre. Nicht nur die Arbeits- und Lebensverhältnisse, sondern auch aus Spanien eingeschleppte Krankheiten hatten die schließlich nahezu vollständige Ausrottung der indianischen Urbevölkerung bewirkt. Das führt auch zu Kritik im Mutterland Spanien insbesondere durch jesuitische Missionare wie Bartolomé de las Casas.

Charles C. Mann - 1492

Wildnis oder Kulturlandschaft?

Die Weite des amerikanischen Raumes um 1500 stellt man sich normalerweise als weitestgehend unberührte Natur vor. Urwälder und endlose Steppengebiete im Norden, der mächtige Amazonas-Regenwald im Süden.

Was Mann schreibt, hört sich ungeheuerlich an: Amerika war wahrscheinlich von oben bis unten Kulturlandschaft. Weder die Wälder Neuenglands, noch die tropische Regenwälder waren, als die ersten Europäer kamen, biologische Zufallsprodukte.

Im Norden betrieben die Indianer am Mississippi (Cahokia) seit den Anfängen des Maisanbaus kontrollierte Rodungen, die begehrte Nutzpflanzen begünstigten. So entstanden riesige Areale, die systematisch bewirtschaftet wurden: Felder für den Ackerbau; Gärten mit Früchten, Beeren und Gemüsen; Obst- und Kastanienhaine; lichte Wälder für das Wild. Für den gesamten Mittleren Westen vermutet Mann, dass diese Rodung (künstliche Versteppung) die Ausbreitung der Bisonherden bis nach Texas ermöglichte. Die Indianer kannten also die Prozesse, die die Natur beeinflussen konnten, und wendeten sie über Jahrhunderte an, um ganze Landstriche nach ihren Bedürfnissen umzuformen.

Am Amazonas traf die Expedition von Gonzalo Pizarro (Bruders von Francisco Pizarro) derart viele Menschen an, wie man es heute kaum für möglich halten würde. Die bekannt gewordenen Siedlungen künden davon, wie die Indianer dort ihre eigene Muttererde ("terra preta") selber  schufen. Eine statistische Auswertung der Baumarten ergab, dass weite Landstriche nicht natürlich gewachsen waren, sondern gezielt bewirtschaftet worden sein mussten. Mindestens 12% des Amazonas sollen anthropogen sein ... wenn nicht sogar 100%

Epidemien

Auf den Schiffen der Spanier ist auch ein blinder Passagier an Bord. Als sich die Alte und die Neue Welt durch Kolumbus‘ Entdeckung berühren, begegnen die Indianer – ungeahnt – ihrem ärgsten Feind: ein europäischer Virus, der Seuchen und Krankheiten verursachen kann.

„Eine Epidemie brach aus, eine Krankheit mit Pusteln. Grosse Beulen bedeckten die Körper von oben bis unten, sogar die Gesichter, den Kopf, die Brust“, berichtet ein Missionar, „ die Kranken konnten nicht mehr gehen, sie konnten sich nicht mehr  bewegen und lagen regungslos am Boden… Sie konnten ihre Position nicht verändern, sich nicht strecken oder drehen. Oder den Kopf heben. Alle wurden krank und die meisten starben. Viele starben an Hunger und Durst, denn niemand konnte sie pflegen.“

Tödliche Krankheiten wüten auf dem ganzen Kontinent – und schaffen vollendete Tatsachen. „Was die Eingeborenen angeht, so sind fast alle an den Pocken gestorben. Gott hat damit die Besitzverhältnisse unmissverständlich geklärt.“ schreibt ein Chronist.

Bis heute versuchen Wissenschaftler die aus der Alten Welt eingeschleppten Krankheiten zu identifizieren – ihre Wege nachzuzeichnen, die Zahl der Opfer zu schätzen. „Sobald der Virus in Amerika ankam, fand er Millionen neuer Wirte, menschlicher Wirte, die dagegen keine Immunität erworben hatten. Und so hatten die Pocken, zusammenmit Masern und Grippe eine verheerende Wirkung auf die einheimische Bevölkerung Amerikas. Keiner weiss genau, wie viele Menschen daran starben. Ältere Schätzungen gehen von 50 Prozent aus, aber es waren eher 90 Prozent oder sogar mehr!“ (Historiker Andrew Isenberg, Temple University).

Die Krankheiten verbreiten sich rasend schnell durch den Handel zwischen den indianischen Stämmen. Viele Indianer sterben an den europäischen Krankheiten, ohne jemals einen Europäer gesehen zu haben. Die Viren sind schneller als die Eroberer, die sie mit sich bringen. Wo auch immer die Entdecker und Eroberer aus Europa hinkommen, finden sie einen Garten Eden, eine unberührte Wildnis – wie sie denken.

Doch auch bei der Heimkehr der Fernreisenden ist wieder ein blinder Passagier an Bord, von dessen Existenz die Europäer nicht die geringste Ahnung haben: Wer mit diesem Bakterium in Berührung kommt, ist dem Tod geweiht. Es breitet sich von den Häfen mit ihren Bordellen über Europa aus. Es ist besonders heimtückisch, denn es dauert Jahre, bis es seine Opfer tötet. Von der spanischen Krankheit, den französischen Pocken ist die Rede: der Syphilis. Viele sehen die Krankheit als Geissel Gottes für das sündige Europa. Sie wissen nicht, dass diese Seuche aus Amerika kommt – dem Kontinent, auf dem sie so viele Hoffnungen setzen.

Landwirtschaft

Als Kolumbus Amerika entdeckt, sieht er weder Schafe, Ziegen noch irgendein Tier aus der Alten Welt. Auch die Pflanzen sind anders als alles, was er und seine Landsleute bisher gesehen haben: Mais, Chili, Tomaten und Kartoffeln finden die Eroberer vor, Lamas und Meerschweinchen. Die Fernreisenden bringen später diese exotischen Tiere und Pflanzen nicht nur in den Osten mit. Umgekehrt führen sie auch europäische Tiere und Pflanzen in Amerika ein. In Amerika verändert die ökologische Revolution  Flora und Fauna dauerhaft.

Als die europäischen Mächte den Kontinent nach und nach in Besitz nehmen und kolonisieren, siedeln immer mehr Europäer nach Amerika. Sie bringen ihre vertraute Nahrung mit, Vieh und Getreide. Mit Nutztieren und Gerätschaften bewirtschaften sie das Land intensiv. Amerikanische Bäume ersetzen sie durch europäische. Äpfel und Birnen, Pfirsiche und Aprikosen, Kirschen und Pflaumen, Feigen und Oliven gelangen so in die Neue Welt. Wo vorher Bäume standen, wachsen Gemüse und Knollen aus Europa. Europäisches Vieh weidet auf Land, auf dem einst  Bisons grasten. Zur Freude der Siedler gedeiht ihr Vieh sogar besser als in der alten Heimat.

Doch zwischen Flora und Fauna besteht ein enges Wechselverhältnis. Selbst kleinere Veränderungen haben oft weitreichende Folgen. Wie beim europäischen Getreide. Mit dem fremden Saatgut kommen auch Pflanzensamen wie Löwenzahn nach Amerika, die sich in den Getreidesäcken befinden. Mit den Rinderherden verbreiten sich die europäischen Pflanzen immer weiter über den Kontinent und verdrängen viele einheimische.

 

Dass die europäischen Bäume so viele Früchte tragen, verdanken die Siedler einem kleinen Insekt: der europäischen Honigbiene. Während amerikanische Bienen nur ganz bestimmte Arten bestäuben, bestäubt die europäische Honigbiene so ziemlich alles, was alles was ihre in den Weg kommt. Die Siedler haben sie für ihren eigenen Honig mitgebracht, und sie verbreitet sich rasend schnell über den ganzen Kontinent. Aus Obst-Gärten entstehen Obst-Plantagen. Bald ist die Ernte so gross, dass eine neue Industrie entsteht.

Siedler, die es sich leisten können, bauen nicht nur Grundnahrungsmittel an, sondern Luxusgüter wie Zucker und Tabak. Am amerikanischen Tabak, der Droge der Ureinwohner, finden die Europäer schnell Gefallen. Auch die Pflanze bauen sie in riesigen Plantagen an. Das Gleiche geschieht mit Zucker-Rohr. Monokulturen bestimmen bald das Bild des Kontinents. Da diese Plantagen arbeitsintensiv sind bringen die Europäer die ersten schwarzen Sklaven gewaltsam aus Afrika nach Amerika. Millionen werden folgen.

Die Siedler verändern das Antlitz Amerikas nicht nur, indem sie ihre Tiere und Pflanzen mitbringen. Sie plündern auch die Ressourcen des Kontinents. Dazu gehört das Holz. Während in Europa der Rohstoff durch Abholzung knapp geworden ist, erstrecken sich in der Neuen Welt weite Wälder. Doch die Siedler roden Amerikas Wälder unbedacht und verdienen viel Geld damit. Bald gleicht die Neue Welt an vielen Orten der Alten, die die Kolonisten verlassen haben – mit weiten Plantagen und Ackerflächen. Die Folgen einer der grössten Waldvernichtungen sind noch heute zu sehen: Auf zahlreichen Inseln und grossen Regionen Amerikas steht kein einziger Baum mehr.